Interview mit Ernst Rudolf: „Gezielt Chancen der Krise nutzen“ – 1


Auf Substanz bauen
Ernst Rudolf, Gründer und Geschäftsführer der Rudolf Wirtschaftsberatung, im Gespräch mit Patricia Mangelsdorff zu den Ursachen und Folgen der Bankenkrise und konkreten Maßnahmen für die Kunden der Rudolf Wirtschaftsberatung.

Bodenheim bei Mainz, 30. Oktober 2008
P. M.: Herr Rudolf, was tun Sie ganz konkret und praktisch für die Sicherheit der Anlagen Ihrer Kunden?
E. R.: Erstens streuen wir die Depots jetzt erheblich breiter, um die Sicherheit zu erhöhen.
Zweitens werden wir – wie immer bei wichtigen aktuellen Veränderungen – alle unsere Kunden individuell anschreiben und ihnen Vorschläge dazu machen, was für ihre jeweilige Situation am sinnvollsten ist.
Und drittens nutzen wir gezielt die Chancen, die die aktuelle Situation unseren Kunden bietet …

Ernst Rudolf

Ernst Rudolf

… und Sie begeben sich damit auf eine Ebene mit den windigen Spekulanten, die uns den Schlamassel eingebrockt haben?
(lacht) Keineswegs! Viele Papiere haben aufgrund der Krise schon extrem gelitten. Sie unterliegen zwar immer noch starken Schwankungen, aber eben auf einem sehr niedrigen Niveau. Jetzt gilt es, Ruhe zu bewahren und zu schauen: Was hat wirklich Substanz? Alle Papiere unterliegen zurzeit einer Massenpanik, aber durch die staatliche Garantie wird keine Bank pleite gehen, und damit haben viele Papiere immer noch Substanz.

Damit gibt es viele Chancen, die wir für unsere Anleger nutzen, indem wir eben auf diesem tiefen Niveau Kaufempfehlungen geben. Wenn man aktuell Firmenwerte kaufen kann, deren Aktienwert geringer ist als das firmeneigene Cash-Konto, dann sollte man zugreifen.

Für die Anleger ist es jetzt das wichtigste, sich in Geduld zu üben. Das Erreichen der Anlageziele verzögert sich vielleicht um ein- bis anderthalb Jahre. Irgendwann wurde aus dem Sturm ein Orkan. Inzwischen hat er sich etwas beruhigt und ist wieder zu einem Sturm geworden – etwa Windstärke 8 oder 9 –, aber die „gefühlte“ Stärke ist immer noch die eines Orkans. Jetzt also bloß nicht panikartig aussteigen!

Wir sind seit Wochen auf das Äußerste gefordert! Das Schiff muss gesteuert werden – und wir halten das Ruder fest in der Hand. Gleichzeitig müssen wir die Passagiere, unsere Anleger, beruhigen und ihnen Verhaltensempfehlungen geben.

Thomas Bieler von der Verbraucherzentrale NRW sieht das ganz anders: „Wer seriös berät, kann Normalanlegern im Augenblick eigentlich nur eines raten: nichts“, sagt er in einem Interview mit Tagesschau.de. Das stimmt also in Ihren Augen nicht?
Damals, am 10. Oktober, war das vollkommen richtig. Inzwischen hat sich die Situation aber durch das Eingreifen der Politik mit dem Banken-Rettungspaket deutlich geändert.

Wollen Sie damit sagen: Jetzt ist alles wieder gut?
Nein. Es wäre ein großer Fehler, diese Krise zu bagatellisieren und so zu tun, als würde alles von alleine wieder gut werden. Von dieser Art der Rhetorik hatten wir wirklich genug in den vergangenen Wochen: „Alles in Ordnung“, sagt der Bankvorstand. Und am nächsten Tag fehlen 20 Milliarden …

Ich verstehe jeden, der sein Vertrauen in unsere Finanzinstitutionen verloren hat. Das Verhalten vieler Bankvorstände kommt mir vor wie das eines Kapitäns, der mitten auf dem Ozean in einem Orkan einen Regenschirm in der Hand hält, aber keiner steht am Steuer.

Noch einmal: Es ist und bleibt unseriös, das Geschehene zu verharmlosen!

Und was ist seriös?
Den Tatsachen ins Auge zu blicken. Diesmal ist dank des staatlichen Eingreifens das System nicht kollabiert. Wir haben jetzt die Chance zu lernen, welche Weichen wir für die Zukunft stellen müssen.

Ernst Rudolf

Ernst Rudolf

Und die wären?
Mit staatlicher Kontrolle ernst zu machen – und zwar auch in Zukunft und langfristig!

Der riesige Bereich der Hedgefonds liegt unter einem halblegalen Deckmantel, mit dessen Hilfe man Dinge aus dem kontrollierten System vollkommen heraushalten kann. Hier ist die Politik gefordert, für eine Lösung zu sorgen!

Wirklich dramatisch sind die Auswirkungen auf Unternehmen: Man kann heute eine solide, florierende Firma allein durch Spekulation in den Abgrund treiben. Ein Journalist kann mit einer einzigen ungeprüften Meldung dafür sorgen, dass eine Firmenaktie 20 oder 30 % an Wert verliert! Die Fundamentalanalysen von Firmen haben kaum noch Aussagekraft, weil man die Firmenaktien durch Finanzinstrumente nach oben oder nach unten jagen kann. VW ist ein gutes Beispiel: Erst stieg die Aktie steil nach oben, dann fiel sie wieder drastisch. Als Großinvestor kann man Dinge aufblasen – und dann alles wieder in sich zusammenfallen lassen.

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admin am Oktober 30th 2008 in Aktuelles

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