Interview mit Ernst Rudolf: „Gezielt Chancen der Krise nutzen“ – 2


Auf Substanz bauen
Im zweiten Teil des Interviews spricht Ernst Rudolf über notwendige Änderungen im Finanzsektor, er stellt Forderungen an die Politik und macht deutlich, was wir alle tun können.

Ist den Bankvorständen eigentlich bewusst, welche Wirkung ihr Tun hat?
Gute Frage. Ich weiß nur: Den Bankvorständen selber kann nichts passieren. Es ist gewissermaßen nicht ihre Krise. Sie können nicht haftbar gemacht werden – anders als die Inhaber oder Geschäftsführer jeder kleinen oder mittelständischen Firma. Da gibt es vollkommen ungleiche Maßstäbe: Wir sind z. B. verpflichtet, alles offenzulegen, bis ins kleinste Detail, und wir werden für Fehler persönlich zur Verantwortung gezogen.

Ernst Rudolf

Ernst Rudolf

Vorhin sagten Sie, sie verstünden jeden, der sein Vertrauen in die Finanzinstitutionen verloren hat. Wie kann es wiederhergestellt werden?
Die Politik muss Grenzen setzen, gewissermaßen wie in der Kindererziehung. Sie muss Kontrolle ausüben und bestimmte Finanzinstrumente begrenzen oder ganz verbieten. Tut sie das nicht, ist die freie Marktwirtschaft gefährdet! Ohne Vertrauen funktioniert gar nichts. Und auch das Vertrauen der Banken untereinander ist zerstört und muss wieder hergestellt werden.

Sind wirklich nur die Banken schuld? Gibt es nicht auch eine Mitverantwortung der Allgemeinheit?
Die Sache ist einfach zu komplex geworden. Es gibt heute Wertpapiere, die selbst viele Experten nicht mehr verstehen. Ich kann nur durchschauen, was offen liegt – aber hier liegt nichts mehr offen. Derivate, Futures, Optionen … das sind alles Produkte mit Hebelwirkung, die leicht außer Kontrolle geraten. Ursprünglich zu Absicherungszwecken geschaffen, haben sie sich mittlerweile verselbstständigt und dazu geführt, dass es zu Übertreibungen an den Finanzmärkten kommt. Die Krise wird somit verstärkt.

Gibt es etwas, was wir alle tun können, um so etwas für die Zukunft zu verhindern?
Als erstes fällt mir ein: mit 5 % Rendite zufrieden sein. Aber dann wird mir sofort bewusst: Eigentlich sind die meisten Anleger das! Es liegt also nicht an ihnen. Stattdessen findet dieses Immer-mehr-wollen viel mehr in der Welt der Börsen und Banken statt.

Wichtig ist aber vor allem, dass wir alle jetzt die Politik in ihrer Forderung nach Verantwortung der handelnden Personen unterstützen. Im Moment sind noch alle der Meinung, dass es viel mehr Kontrolle braucht – aber wir wissen ja, wie kurz das politische Gedächtnis sein kann. Man darf diese Finanzwelt nicht einfach nur sich selber überlassen. Denn wir müssen klar sehen: Es ist die Allgemeinheit, die das „Rettungspaket“ bezahlt.

Herr Rudolf, vielen Dank für dieses Gespräch!

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admin am Oktober 30th 2008 in Aktuelles

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